Interview Schriftzug mit Gilbert Dietrich

Interview mit Gilbert Dietrich von Geist und Gegenwart

In Interviews by Humanenergetiker Team

Artikel aktualisiert am 12.11.2018

Wir haben Gilbert Dietrich, den Kopf hinter dem philosophischen Online-Magazin „Geist und Gegenwart“, interviewt. „Geist und Gegenwart“ will helfen, mit angewandter Philosophie hinter die bloßen Erscheinungen des Lebens zu blicken. Es ist nicht immer ganz leicht, sich selbst zu verstehen, durch die Alltagsprobleme einen Sinn im eigenen Leben zu pflegen, die eigenen Potenziale zu entdecken und das Beste aus den Umständen zu machen.

Die Texte auf „Geist und Gegenwart“ versuchen mit den Mitteln der Philosophie und Psychologie eine ganz praktische Interpretations- und Lebenshilfe zu bieten, ohne sich den typischen Selbsthilfe-Mantras oder der Esoterik hinzugeben.

1.) Du hast in Dublin für Google gearbeitet. Nun bist du zurück in Deutschland. Fehlt dir die irische Mentalität, die irische Lebensweise oder der „Craic“? Was glaubst du, können Österreicher und Deutsche von den Iren lernen?

Ja, sechs Jahre habe ich in Irland gelebt und das oft sehr genossen. „Great Craic“, also der Riesenspaß, ist eines der Dinge, die mich weniger beeindruckt haben, weil das aus meiner Erfahrung viel mit Pub-Culture zu tun hat und an die bin ich nie richtig rangekommen. Mir war in Irland die Natur lieber, als der Pub. Allerdings hatte ich einen Lieblings-Pub auf der Halbinsel Howth, zu dem man einen langen und recht beschwerlichen Fußmarsch bergauf die Küste entlang zurücklegen musste. Was mich an den Iren aber sehr inspiriert hat, ist die entspannte Einstellung zum Leben und zu den Ernsthaftigkeiten und Wahrheiten, die zumindest uns Deutschen immer sehr wichtig sind. Schön ist auch das endlose Geschichten- und Witzeerzählen, da sind die Iren sehr talentiert. Manchmal zur großen Verwirrung von Ausländern, denn es wird nie wirklich klar, was erfunden und was Tatsache ist.

2.) Voltaire sagte einst: „Wenn du wissen willst, wer dich beherrscht, musst du nur herausfinden, wen du nicht kritisieren darfst.“ Auch wenn Voltaire über die Gesellschaft sprach: was beherrscht dich? Welchen Teil in dir darf man nicht kritisieren?

Erst mal würde ich mich selbst sehr gern als jemanden beschreiben, der offen für Erfahrungen und Wahrheiten anderer Menschen ist und es damit auch nicht für gefährlich hält, wenn man meine Überzeugungen kritisiert. Was mich aber beherrscht, ist ein manchmal renitentes Beharren auf respektvoller Kommunikation und Freiheit. Wenn ich das Gefühl habe, dass mich jemand ungerecht attackiert, mich manipuliert oder mir Vorschriften machen will, dann kann ich damit nicht immer ganz souverän umgehen.

3.) Was macht für dich wahres Glück aus? Bist du glücklich?

Glück ist für mich ein Konzept der Weisheit. Ich werde nicht den Fehler machen und ihm hinterherjagen oder versuchen, es zu definieren. Es stellt sich ein, wenn ich es zulasse, aber vielleicht entzieht es sich auch. Ich nehme da wenig Einfluss und vertraue Fortuna. In dem Sinne könnte man argumentieren, es ist eine Einstellungssache, aber wie gesagt, ich möchte da nicht zu sehr drin rumstochern. Klar ist nur, dass all die guten Ratschläge, die uns zu dem Thema umzingeln im besten Fall nutzlos und oft eher glücksvermeidend wirken.

4.) Wovor hast du in deinem Leben am meisten Angst? Kann ein fokussierter, lösungsorientierter Geist angstfrei sein?

Auf eine bestimmte Art Angst kann man verzichten, also vor allem das, was wir “Sorge” nennen. Sorge stellt sich ein, wenn wir an die Zukunft denken und den Drang verspüren, für sie jetzt schon alles vorzubereiten und zu regeln. Das ist auf eine Art natürlich notwendig, aber irgendwie auch illusorisch. Vielleicht ist uns geholfen, wenn wir weniger auf das starren, was uns vielleicht später mal droht. Das soll aber nicht heißen, dass man nichts fürs Alter zur Seite legen sollte, wenn man es sich leisten kann. Eine andere Art von Angst, die Furcht, ist durchaus hilfreich, zum Beispiel die vor großen Raubtieren oder gefährlichen Abgründen. Und dann gibt es so etwas wie eine existentielle Angst, wie sie in der Philosophie oft im Zusammenhang mit Begriffen wie Entfremdung, Ekel, Einsamkeit thematisiert wird. Diese Angst ist zeitweise überwindbar, für spirituelle Menschen vielleicht besiegbar. Ich aber halte sie irgendwie auch für gut, denn sie erdet mich, lässt mich demütig gegenüber der Unendlichkeit dessen sein, was ich nicht bin. Angstfrei ist also kein Ziel für mich. Und fokussiert oder lösungsorientiert ist vielleicht etwas, das man in praktischen Dingen oder auf der Arbeit sein sollte, es hat aber weniger etwas damit zu tun, wie ich mir ein gelungenes Leben vorstelle.

5.) Was ist dein größter unerfüllter Wunsch? 

Ein zweites Leben als Meeresbiologe und Unterwasserfilmer. Ein drittes Leben als Rockstar, ein viertes Leben… aber vielleicht erfülle ich ja noch irgendetwas davon.

6.) Seneca sagte: „Nicht weil es so schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es so schwer.“ Gibt es etwas, das du bisher noch nicht gewagt hast? Was war bisher dein größtes Wagnis?

Bisher habe ich es nicht gewagt, die Sicherheit eines festen Einkommens zu verlassen, das hast du mir auf jeden Fall voraus! Und ich bewundere das wirklich. Der Grund, warum das so schwer ist, liegt in den über die komfortablen Jahre mitgewachsenen Ansprüchen und Plänen für die Zukunft. Da sind wir wieder bei der Sorge. Aber ich habe im Jahr 2014 einen ersten Wagnis-Schritt trainiert und einfach bei meiner damaligen Firma gekündigt, ohne dass ich eine Idee hatte, was als nächstes käme. Ich habe es nicht bereut. Ein anderes und sicher größeres Wagnis steht mir gerade bevor: Vater sein.

7.) „Es ist gefährlich Recht zu haben, wenn die Regierung falsch liegt.“ – Voltaire. Wie siehst du die politische Situation in Europa bzw. die wirtschaftsliberale Politik, das uneingeschränkte Streben nach Shareholder Value, Hyperkapitalismus und die damit zusammenhängenden ethischen Fragen? Ist es Zeit für selbstkritische Besinnung?

Es ist immer Zeit für selbstkritische Besinnung. Und Voltaire hatte sicherlich damals Recht, aber das ist etwas, das wir inzwischen auch mit seiner Hilfe in Europa erreicht haben: Es ist nicht mehr gefährlich, eine andere Meinung zu haben. Mir fällt auf, dass wir es uns angewöhnt haben, Meinungsbürger und Wutbürger zu sein, aber wir haben es verlernt, Bürger zu sein. Anstatt der Staat zu sein, grenzen wir uns ab und schimpfen über alles, was die Politik macht. Ein Grund mag sein, dass die Problemlagen so komplex geworden sind, dass wir sie nicht mehr durchschauen und stattdessen meinen, “die da oben” hätten die Kontrolle verloren. Deine Stichworte Shareholder Value und Hyperkapitalismus stehen ja auch für solche “Angstbegriffe”. Frag mal jemanden im Einkaufscenter, was Shareholder Value ist. Außer einer diffusen Meinung, werden die meisten dazu nichts sagen können. Die unter-komplexe Behandlung der Themen durch selbsternannte Vertreter der Vernachlässigten nach dem Tenor “Grenzen zu!” oder “Lügenpresse” regt mich auf. Die Mainstream-Politik hat natürlich einen Anteil daran, wenn sie sich verselbständigt und die Leute nicht mehr ins Boot holt und ihnen die Themen erklärt. Damit macht sie es Populisten einfach. Ein Beispiel ist der drohende “Brexit”. Hier lässt man die Leute abstimmen, die keine Chance haben, all die komplexen Implikationen ihres Abstimmungsverhaltens zu durchschauen. Man ködert sie mit populistisch-völkischen Parolen und bringt sie damit dazu, gegen ihre eigenen Interessen zu votieren. Eigentlich haben wir dagegen die repräsentative Demokratie etabliert und ich frage mich, warum wir sie dort hintergehen, wo wir sie wirklich brauchen. Und weil ich hier jetzt weder unter-komplex sein möchte, noch einen Roman schreiben kann, will ich nur sagen: Es ist nicht alles so schlecht, wie es scheint. Wir machen viel richtig und müssen als Bürger dafür sorgen, dass die berechtigten Ansprüche auf Bildung, gute Nahrung, Gesundheit, sauberes Wasser und eine lebenswerte Umwelt nicht zugunsten eines schnellen Profits auf der Strecke bleiben. Wir brauchen Institutionen, die uns vor einer Vereinnahmung aller Lebensqualitäten durch “den Markt” schützen.

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8.) Welchen Ratschlag für das Leben würdest du heute einem 12 Jährigen geben?

Das ist eine tolle Frage! Vor allem würde ich sagen: Sei vorsichtig, wenn dir jemand Ratschläge geben will. Vielleicht würde ich auch so etwas sagen wie: “Das Leben ist leichter, als die meisten denken. Und das Beste ist, dass es immer leichter wird, je älter du wirst.” Ich würde also Sachen sagen, die entspannen und damit eine Freiheit eröffnen, das Eigene im Leben zu entdecken.

9.) Mit wem würdest du gerne einen Abend verbringen, den du noch nicht persönlich kennengelernt hast und warum?

Ich glaube, dass ich viel Spaß hätte, wenn ich einen Abend mit Barak Obama verbringen könnte. Der hat einen großartigen Mix von Intelligenz, Witz, Erfahrung und Leichtigkeit. Wir könnten uns gut über Kultur und Wissenschaft unterhalten, dabei etwas Nina Simon hören und was trinken. Am Ende würden wir uns über George W. Bush und Donald Trump kaputtlachen.

10.) Welche Frage blieb dir bisher in deinem Leben unbeantwortet?

Ich habe nicht mitgeschrieben, aber ich denke, dass das schon im Kindergarten anfing, dass man unsere Fragen nicht richtig beantwortet. Wahrscheinlich ist es auch schwierig, richtig gute Fragen beantwortet zu bekommen. Also im Grunde ist es ein Kompliment. Ich denke da zum Beispiel an Interviews mit Politikern. Wenn die drum rumreden, dann heißt das, die Journalisten haben da ihre Finger in der Wunde. Und wenn es um die großen Fragen geht? Ich glaube, dass es anmaßend ist, wenn man denkt, dass das Leben einem irgendwelche Fragen beantwortet. So etwas wie: Was ist der Sinn des Ganzen? Warum bin ich hier? Was ist, wenn ich tot bin? Wir müssen uns daran gewöhnen, dass es eben doch dumme Fragen gibt.

Geist und Gegenwart findet ihr im Netz unter www.geistundgegenwart.de. Ihr könnt dem Magazin auch bei Facebook, Google Plus und Twitter folgen oder aber den monatlichen Newsletter abonnieren.

Wir bedanken uns bei Gilbert Dietrich für das Interview.

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